Warum fühle ich mich nach dem Kontakt mit anderen Menschen oft so erschöpft?

Der Abend war schön – und danach fühlst du dich wie ausgesaugt? Warum dein feinfühliges Nervensystem Nähe intensiver verarbeitet (Stichwort Co-Regulation) – und wie du nach Begegnungen wieder bei dir ankommst.

Zwei überlappende Felder aus Lavendel-Kreisen auf Violett, Terrakotta-Punkt in der Überschneidung – Co-Regulation zweier Nervensysteme.

Das gesellige Treffen mit Freunden am Abend war schön. Nette Menschen, gute Gespräche, kein Drama. Du kommst nach Hause, ziehst die Schuhe aus – und du fühlst dich wie ausgesaugt. Da ist keine Kapazität für irgendwas mehr. Nur der Wunsch nach Ruhe. Nach Alleinsein. Die Hoffnung, dass jetzt bitte niemand mehr etwas von dir will.

Wenn du dich nach der Zeit mit anderen Menschen auch oft erschöpft fühlst, obwohl es „objektiv" gar nicht anstrengend und auch nichts „Großes" war, bist du damit nicht allein – und es ist kein persönliches Versagen als sozial empfindendes Wesen oder gar im Menschsein. Wahrscheinlich musste dein System nur sehr viel mehr leisten, als von außen sichtbar war.

Du warst einfach sehr empathisch wie immer, hast allen Gesprächen aufmerksam gelauscht, hast bemerkt, wann es an der Zeit war, um zu lüften, hast versucht, allen anderen ihre Wünsche von den Augen abzulesen und gespürt, wer gerade Verbindung oder seine Ruhe wollte. Und all das – genau das war das, was dich angestrengt hat – lief quasi unter deinem feinfühligen Radar die ganze Zeit mit.

Viele glauben, das heiße, sie seien kontaktscheu oder „zu empfindlich". Aber eigentlich passiert da etwas anderes in uns. Unser Nervensystem hat den Kontakt nicht nur gehabt – es hat ihn die ganze Zeit gelesen. Mimik, Tonfall, Zwischentöne, das, was nicht gesagt wurde. Nach Zeit unter Menschen bist du nicht „komisch". Du bist einfach voll. Und das nicht nur in herausfordernden oder neuen Situationen oder mit fremden Menschen, sondern auch nach dem Treffen mit deinen engsten Freunden oder deiner Familie.

Warum wir das so unterschiedlich empfinden – und was das mit dir zu tun hat (und was nicht) –, darum geht es hier.

Warum kosten soziale Verbindungen überhaupt (so viel) Energie?

Weil soziale Verbindungen für dein System kein passives Danebensitzen sind, sondern ununterbrochene Verarbeitung. Du nimmst nicht nur Worte auf, sondern Blicke, die Stimmung im Raum, die kleine Veränderung im Gesicht deines Gegenübers. Und dein System gleicht sich dabei unbewusst mit den anderen ab bzw. daran an – Fachleute nennen das Co-Regulation (also das gegenseitige Ein- und Nachschwingen zweier Nervensysteme). Das ist Arbeit. Sie passiert meistens sehr leise und im Hintergrund, kostet aber viel Energie – wenn du die Person bist, die andere co-reguliert. Und meistens sind es eben feinfühlige Personen, die andere co-regulieren. Das ist eine unserer Superkräfte.

Dazu kommt: Menschen verarbeiten Reize unterschiedlich tief. Wenn du zu denen gehörst, die viel wahrnehmen – »schätzungsweise jede fünfte bis dritte Person« –, dann „liest" dein System bei jedem Kontakt mehr mit. Es ist nicht mehr Kontakt – es ist dichterer Kontakt. (Was diese tiefere Reizverarbeitung genau ist und ob dieses Merkmal vielleicht auch auf dich zutrifft, habe ich im Pillar »Bin ich hochsensibel? Was Feinfühligkeit wirklich ist« und in »Zu viel fühlen und gleichzeitig leer sein« ausführlich beschrieben – hier soll es um den sozialen Kontakt gehen.)

Einer der Kernaspekte davon heißt in der Forschung schlicht „Übererregung" (im Englischen overstimulation): Dein System bekommt schneller viel auf einmal zu „verdauen". Als soziale Wesen im Kontakt mit anderen Menschen kommt noch etwas dazu – die Co-Regulation von eben. Du verarbeitest also nicht nur mehr Reize als durchschnittlich sensible Menschen, du schwingst dich zusätzlich ständig mit deinem Gegenüber ein. Kein Wunder, dass du dich nach Begegnungen und der Zeit mit anderen erschöpft fühlst und erstmal Zeit für dich, Ruhe und einen Raum ohne weiteren Input brauchst.

Warum bin ich auch nach schönen Treffen, Begegnungen oder Ereignissen erschöpft?

Weil dein Nervensystem Begegnungen oder Ereignisse nicht in „gut" und „schlecht" kategorisiert, was diesen Aspekt angeht, sondern in Menge. Auch Freude, Nähe und Lachen sind Information für dich, ein intensiver „Input". Ein schöner Abend mit vielen positiven Emotionen (potenziert sich in der Gemeinschaft mit anderen quasi), gutem Essen (Geschmack, Gerüche) kann dein System genauso (auf)füllen wie ein anstrengender oder nicht so schöner Abend.

Die Erschöpfung danach ist deshalb kein Zeichen, dass es „zu viel des Guten" war oder du undankbar bist. Sie ist die natürliche und bio-logische Konsequenz der Verarbeitung der großen Datenmenge (Stimuli, „Input"), kein Indikator für die Qualität der Begegnung. Du darfst einen Abend geliebt haben und trotzdem danach komplett leer sein. Das schließt sich nicht aus.

Heißt das, ich bin introvertiert – oder stimmt etwas nicht mit mir?

Weder noch. Und dass du nach der Zeit mit anderen Menschen erstmal Zeit für dich, (noch) mehr Ruhe als sonst oder eine Pause von Treffen brauchst, ist definitiv kein „Defekt", den du beheben musst. Inzwischen empfinde ich das eher als eine ziemlich präzise Rückmeldung von meinem Körper, meinem Nervensystem. Es ist für mich ein Indiz dafür, dass du sehr gut wahrnimmst, was um dich herum passiert. Auch wenn viele denken, feinfühlige Menschen seien kontaktscheu oder „nicht belastbar" – meistens ist das Gegenteil der Fall: Sie sind überdurchschnittlich aufmerksam und bekommen so viel mehr mit als ihre nicht so feinfühligen Mitmenschen. Und das meine ich absolut wertfrei.

Warum fühle ich mich nach dem Treffen mit manchen Menschen erschöpfter als bei anderen?

„Manche Menschen sind einfach anstrengend" – das sagt sich schnell, und so fühlt es sich oft auch an. Aber genau genommen ist das deine Empfindung. Daraus sollte nie ein Urteil über einen anderen Menschen werden. Was du spürst, ist nicht „die Person", sondern das, was zwischen euren beiden Systemen passiert und wie viel Energie dich der Angleich an dein Gegenüber kostet bzw. wie viel es dich kostet, dass du während der gesamten Zeit bei dir – in deiner Mitte und Ruhe – bleiben kannst.

Am „teuersten" wird soziales Miteinander meist dort, wo dein System für zwei mitarbeitet: wo du die Stimmung hältst (oder verbesserst), das Gespräch trägst, mitliest, was nicht gesagt wird – oft, ohne es zu merken.

Dein System co-reguliert dann nicht nur mit, es reguliert für die andere Person gleich mit. Das erklärt, warum ein einziges Gespräch mit einer bestimmten Person dir gefühlt oft mehr Energie ziehen kann als ein ganzer Abend mit deinen Lieblingsmenschen in vertrauter Runde.

Es sagt in der Regel nichts darüber aus, ob jemand ein „einfacher" oder „schwieriger" Mensch ist – nur etwas darüber, wie viel dein System in der Begegnung mit dieser Person geleistet und gehalten hat.

Wenn du dich hier wiedererkennst, spielt manchmal auch das Phänomen des People Pleasing mit hinein. Dass das kein Charakterfehler ist, sondern ein uraltes Schutzmuster deines Nervensystems, zeige ich dir in meinem Video »Nervensystem & People Pleasing«.

Ich hab irgendwann die „Regel" für mich aufgestellt, dass ich nicht mehr als zwei Treffen mit Freunden, Familie oder wichtige Termine für eine Woche plane. Manche Wochen, zum Beispiel, wenn ich meine Periode habe, plane ich übrigens so, dass ich gar keine (wichtigen) Termine habe – klar, das ist nicht immer möglich, aber es hilft mir doch schon sehr, besser mit meinen eigenen Energien zu haushalten.

Was das konkret heißt

Das Erste ist oft nicht, etwas Bestimmtes zu tun – sondern aufzuhören, gegen die eigenen Empfindungen und das individuelle Wahrnehmen anzukämpfen. Zu merken: das reicht mir gerade. Das war anstrengend für mich. Es braucht dafür auch keine Erklärung oder Rechtfertigung von mir. Und ich muss mich deswegen auch nicht schlecht oder schwach fühlen.

Die Lösung ist dabei selten, weniger Menschen zu sehen. Klar, kann auch mal für eine Weile eine gute Strategie und Lösung sein. Langfristig – und das ist meine persönliche Erfahrung – geht es eher darum, deinem System nach dem Kontakt zu zeigen, dass es jetzt nichts mehr lesen oder leisten muss. Das heißt oft: Stille oder eine Umgebung mit weniger Reizen für dich schaffen – nicht direkt das nächste Programm (Podcast, Serie, Nachrichten) starten oder eine neue Aktivierung finden, sondern erst mal in die Stille eintauchen, sanfte körperliche Bewegung machen oder eine Runde im Wald spazieren gehen.

Und wenn es möglich ist: plane Erholungszeit schon vorher ein, statt sie dir hinterher freischaufeln zu müssen. Ein „Puffer" nach einem vollen Tag ist kein Rückzug aus dem Leben. Er ist ein Teil davon.

Häufige Fragen

Bin ich nach Kontakt erschöpft, weil ich Menschen nicht mag?

Nein. Meistens ist es sogar umgekehrt: Du bist so aufmerksam der anderen Person / den anderen Personen gegenüber, dass dein System sehr viel (auf einmal) verarbeitet. Zuneigung, Wertschätzung und Erschöpfung schließen sich nicht aus.

Ist das dasselbe wie Introversion / introvertiert sein?

Nicht ganz. Introversion sagt etwas über deine Energiequelle. Wenn du introvertiert bist, dann ziehst du eher deine Energie aus dir selbst heraus und nicht unbedingt im Kontakt mit anderen. Hier geht es dagegen um die Menge an Reizen, die dein System pro Kontakt verarbeitet – das kann auch Menschen betreffen, die gern und viel unter Leuten sind.

Was hilft mir nach einem Tag mit vielen Menschen?

Kein neues „To-do", sondern weniger: Reize runterfahren, etwas Körpernahes, Ruhe. Für genau diese Momente – wenn du eigentlich keine Kraft mehr hast, dir etwas zu überlegen – findest du zum Beispiel auch in meinem »Notfallkoffer« ein paar kleine Übungen.

Du musst nicht „belastbarer" werden, um unter Menschen zu bestehen. Vielleicht reicht es, deinem System nach solchen Momenten oder Ereignissen zu zeigen, dass es gerade nichts mehr aufnehmen muss. Und dir die nötige Ruhe zu geben, die du brauchst.

Für diese Momente habe ich den »Notfallkoffer« geschaffen: sieben kurze, körpernahe Übungen für dein Nervensystem, die dann da sind, wenn du selbst gerade nichts mehr planen magst.

Wenn du magst, lies weiter: »Zu viel fühlen und gleichzeitig leer sein«.

— Anna-Maria

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