„Sie sollten abnehmen."
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diesen Satz gehört habe. Ich weiß nur noch, was er jedes Mal mit mir gemacht hat: ich wurde wütend, habe mich unverstanden und nicht ernst genommen gefühlt. Mein Gesicht wurde heiß, ich fing an zu schwitzen und habe gemerkt, wie sich etwas in mir zusammenzieht. Ein Stich ins Herz. Und danach der Gedanke, der auftauchte – es war immer derselbe – vielleicht haben sie ja recht. Vielleicht liegt es wirklich an mir. Und ich muss mich einfach noch mehr anstrengen. Es nur mehr wollen.
Ich lebe seit meiner Jugend mit einem Lipödem. Wissen tue ich das erst seit Kurzem. Eine chronische Erkrankung, die richtig wehtut – und die man von außen lange nicht sieht. Niemand hat sie gesehen. Ich selbst auch nicht.
Jahrelang bin ich von Arzt zu Arzt gerannt, mit unterschiedlichen diffusen Schmerzen (Knieschmerzen, Schulterbeschwerden, „Bauchweh", Müdigkeit, Unterleibsschmerzen …). Hierbei gab es nicht wirklich ein Ergebnis, sondern oft nur diesen einen Satz, Schmerzmittel, die mir verschrieben wurden, oder exotisch klingende Diagnosen wie „myofasziales Schmerzsyndrom" (festsitzende Verspannungen und Verklebungen des Fasziengewebes), die mir zunächst Hoffnung auf Besserung machten. Weil da jemand wusste, was es sein könnte und dass ich etwas machen könnte, was mir helfen würde.
Spoiler-Alarm: Nichts von all dem hat mir geholfen. Zumindest nicht langfristig. Ich habe so viel Unterschiedliches ausprobiert: verschiedenste Arten von Bewegung, Ernährung, Massagen, Nahrungsergänzungsmittel … Die Liste ist lang, und irgendwann, ab einem bestimmten Punkt, hatte ich keine Kraft mehr, noch weiter zu suchen – zum nächsten Spezialisten zu laufen. Ich habe mich einfach nur unendlich erschöpft und von meinem eigenen Körper verraten gefühlt.
Sich vom eigenen Körper verraten zu fühlen ist keine Überempfindlichkeit. Es ist eine ziemlich logische Reaktion darauf, dass der Körper, der dich eigentlich trägt und „funktioniert", etwas tut, das du nicht bestellt hast – und dass die Welt draußen aus deinem Aussehen eine Geschichte über deinen Charakter und deine Willensstärke macht.
Warum diese Scham nicht in deinem Kopf sitzt und sich auch nicht mit positiven Affirmationen lösen lässt, sondern in deinem System, in deinem Körper – und was sich verändert, wenn du das (wirklich) verstehst: darüber schreibe ich hier. Wenn du hierher gefunden hast: Hallo, schön, dass du da bist. Ich bin Anna-Maria, Yogalehrerin und Embodiment-Coach. Ich begleite feinfühlige Frauen und Frauen mit der Diagnose Lipödem auf ihrem Weg.
Viele halten Körperscham für ein Selbstwertproblem
Körperscham fühlt sich an wie ein Gedanke über dich. Sie ist aber messbar ein Zustand in deinem System. Sobald ein Teil von dir negativ beurteilt werden könnte und du nichts dagegen tun kannst, reagiert dein Körper am heftigsten – von allen untersuchten Stressauslösern ist das der, der den meisten Stress verursacht. Scham ist also kein Charakterzug. Sie ist mehr als ein Gefühl. Scham ist ein körperlicher Zustand.
Warum Scham körperlich wehtut und nicht nur seelisch
Die Stressforschung hat dafür einen eigenen Begriff: social-evaluative threat (also die Bedrohung, bewertet zu werden). »Eine Auswertung von 208 Laborstudien« hat sich angesehen, welche Art von Stress den Cortisolspiegel tatsächlich hochtreibt – und welche nicht. Das Ergebnis ist unangenehm präzise: Am stärksten reagiert der Körper, wenn zwei Dinge zusammenkommen. Etwas an dir könnte negativ beurteilt werden. Und du kannst es nicht kontrollieren. Tja, wenn du auch Lipödem hast, dann denkst du dir bestimmt gerade: „Hey, Jackpot."
Das ist ja exakt das, was bei Lipödem der Fall ist. Etwas an dir könnte negativ beurteilt werden: dein Gewicht, dein Aussehen, die Art, wie du dich kleidest und anders verhältst. Und du kannst es nicht kontrollieren oder vermeiden. Die Kompressionsstrumpfhosen, die sich unter der Hose abzeichnen. Die kurze Hose, die jetzt immer rutscht, und dass sich Treppensteigen manchmal wie das krasseste Workout anfühlen kann. Ein Gespräch mit einer fremden Person, bei dem du schon beim Reingehen weißt, worauf jemand schauen wird. Ein Sommerabend, an dem alle anderen einfach kurze Sachen anziehen und in den See hüpfen – während du unter deinem Neoprenanzug in Plastik schmilzt. Das sind keine Kleinigkeiten, das sind keine kleinen Einschnitte oder Veränderungen deines Alltags.
Das ist auch kein Stress, den man „mal eben" wegatmet. Es ist die Art von Belastung, die von allem, was untersucht wurde, die stärkste Stressreaktion auslöst – durch die mögliche Gefahr und reale Be- und Abwertung durch andere. Aufgrund unseres Gewichts. Aufgrund unseres Aussehens.
Und für viele von uns läuft dieses innere Programm nicht nur einmal am Tag, sondern den ganzen Tag in Dauerschleife in unserem ganz persönlichen Radiosender.
Warum wird der eigene Körper irgendwann zum Feind?
Weil du ihn nicht verlassen kannst. Weil es nicht wie eine Situation ist, die dir nicht guttut und aus der du einfach rausgehen kannst. Weil du eben nicht wirklich kontrollieren kannst, wie du aussiehst und wie sich dein Körper verändert. Und weil dein Körper das Zuhause deiner Seele ist.
Wenn genau dieses Zuhause anfängt, dir wehzutun – und du es gleichzeitig vor anderen erklären musst – dann kippt die Beziehung. Aus „mein Zuhause" wird „mein Beweisstück". Und ein Beweisstück bewohnt man nicht. Man beobachtet es. Von außen. Und irgendwann durch die Augen der anderen.
Das ist der Moment, in dem viele von uns aufhören, überhaupt noch nach innen zu schauen. Nicht aus Faulheit, sondern aus Schutz: Wenn das Wahrnehmen nur Schmerz und Urteil liefert, kappt das System die Leitung nach und nach. Was ziemlich sinnvoll ist – und uns gleichzeitig von der einzigen Informationsquelle abschneidet, die wirklich weiß, wie es uns geht.
Und dass du das überhaupt so genau mitbekommst: Das ist kein Zeichen von Überempfindlichkeit. Es ist ein Indiz dafür, dass du grundsätzlich verstehst und hören kannst, was dein Körper dir sagt und welche Signale er dir sendet, aber dass es in diesem Moment einfach zu viele sind.
Wie Depressionen, Hormone und Scham zusammenhängen
Es gab eine Zeit, in der ich Antidepressiva gebraucht habe. Und sie haben mir durch eine schwere Depression geholfen. Dafür bin ich heute noch dankbar. Gleichzeitig habe ich sehr stark zugenommen (der Hormonhaushalt hat sich verändert), und das Lipödem ist „aufgebrochen". Und genau das ist beim Lipödem kein Zufall: Es tritt typischerweise in Phasen hormoneller Umstellung zum ersten Mal auf oder verschlechtert sich – in der Pubertät, nach einer Schwangerschaft, in den Wechseljahren … Es war ein großer Schub und auch der sichtbarste, den ich bisher je hatte, und extrem schmerzhaft. Bewegen konnte ich mich kaum noch ohne Schmerzen – und das in meinem Beruf als Yogalehrerin.
Von außen sah es aus, als ob ich halt einfach zugenommen hätte. „Isst einfach zu viel oder die falschen Sachen." „Hat sich halt ein bisschen gehen lassen."
Von innen war es ein Körper unter einer Last, die keiner sehen konnte. Nicht mal ich. Weil ich es nicht wusste.
Und das ist der Punkt, an dem beides ineinandergreift: Die häufigste Fehldiagnose beim Lipödem ist bis heute „Adipositas" – also Übergewicht. (Häufig gehen die beiden auch Hand in Hand, und Übergewicht ist eine Begleiterscheinung bei Lipödem, aber die Diagnose Adipositas macht aus der Erkrankung Lipödem eine Charakter- und Willensfrage.) Wer das jahrelang gespiegelt bekommt, fängt an, es selbst zu glauben. Und ein Nervensystem, das dauerhaft im Modus des von-außen-bewertet-Werdens läuft, bietet dann auch einen „idealen Nährboden" für psychische Erkrankungen.
Die Wahrheit ist: Es gibt nie die eine Ursache. Es ist ein Teil Nervensystem. Ein Teil Glaubenssätze – die Sätze, die man verinnerlicht, von außen gespiegelt und über sich gelernt hat. Und ein Teil Biologie: nicht nur das, was im Spiegel sichtbar ist, sondern reale, messbare biochemische Prozesse im Körper.
Falls du selbst unter Depressionen leidest oder denkst, dass das bei dir der Fall sein könnte: Hol dir Unterstützung bei Menschen, die dich medizinisch und therapeutisch begleiten können. Ich erzähle hier meine Geschichte und spreche darüber, was mir geholfen hat. Das ist keine medizinische Diagnose und ersetzt auch keine professionelle Begleitung.
Warum die üblichen Ratschläge hier nichts ausrichten
„Ernähr dich doch gesünder."
„Du musst einfach lernen, dich so zu akzeptieren, wie du bist."
„Hast du's schon mal mit einem Dankbarkeitstagebuch versucht?"
„Ein bisschen mehr Disziplin und Sport, dann wird das schon."
Hat dir irgendwas davon geholfen? Also mir nicht.
Warum nicht?
- Weil bei Lipödem Willenskraft und Disziplin nicht alleine ausreichen.
- Weil sich das Fett und die chronischen Entzündungen in deinem Körper (leider) nicht von positiven Affirmationen wegschmelzen lassen.
- Weil alle im Kopf ansetzen – und dein Körper keine Sätze glaubt.
Disziplin, Mindset, gute Vorsätze, noch eine Runde Selbstoptimierung – die legen nur eine weitere Schicht Druck auf ein System, das sowieso schon extrem unter Druck steht. Das beste Software-Update bringt dir nichts, wenn die Hardware gerade überhitzt und das Update gar nicht installieren kann.
Dein Körper braucht keinen gutgemeinten Rat, keine positive Affirmation und auch kein weiteres Tool, um besser damit umgehen zu können. Dein Körper braucht die erlebte Erfahrung, dass Sicherheit auch wieder für dich möglich ist. Und dein Herz möchte sich daran erinnern und verinnerlichen, dass du nicht dein Körper bist, dass dein Aussehen und die Zahl auf der Waage nicht deinen Wert definieren und nichts über deine Schönheit aussagen.
Was hilft, wenn du dich für deinen eigenen Körper schämst?
Nichts davon ist eine Übungsliste, die du jetzt abarbeiten musst. Die folgenden Sachen sind eher als Orientierung und als eine Einladung zum Ausprobieren für dich gedacht:
Aufhören, gegen den Zustand anzukämpfen.
Wahrnehmen, was gerade (nicht) ist. Nicht „weg damit", sondern einmal benennen: „Okay. Ich schäme mich gerade. Ich nehme Hitze im Gesicht wahr und dass sich mein Bauch zusammenzieht. Das ist also Scham, und sie ist gerade da. Schön, dich kennenzulernen." Das klingt erst mal ultra cringe, ich weiß.
„Mir geht es gerade gar nicht gut. Und das ist okay. Ich bin trotzdem okay." Auch das wird sich erst mal richtig komisch anfühlen, hat mir aber sehr geholfen. Und das ist nicht das Gleiche wie es zu akzeptieren oder einfach hinzunehmen – auch wenn es natürlich schön ist, wenn du das irgendwann kannst.
Mit einem anderen Menschen darüber sprechen, dem du vertraust.
Scham „braucht" Isolation, um groß zu bleiben – sie schrumpft, sobald du einem anderen Menschen davon erzählst. Das nimmt ihr ein kleines bisschen Macht. Und gibt sie dir zurück – Stück für Stück.
Lerne deinen Körper (neu) kennen.
Durch eigene Berührung und sensorische Reize. Starte nicht mit deinen „Problemzonen" oder an Stellen, die dir Schmerzen bereiten, sondern an eher neutralen Stellen wie deinen Handflächen oder Handrücken. Beispiel: Nimm ganz bewusst die Temperatur deiner eigenen Hand auf der anderen wahr, wenn sie sich berühren. Ist sie eher warm oder eher kalt? Fühlt sich deine Haut eher rau oder glatt an? Kannst du das Gewicht deiner eigenen Hand auf dem Tisch wahrnehmen? Es geht darum, wahrzunehmen, was ist und was nicht da ist – ohne zu bewerten, wie es von „außen" aussieht, sondern wie es sich für dich anfühlt.
Tausche dich mit Gleichgesinnten und anderen Betroffenen aus.
Darüber sprechen, Gemeinsamkeiten erkennen, über ähnliche Herausforderungen sprechen – das kann dir dabei helfen, dass du dich nicht mehr so allein mit all dem fühlst.
Wie es mir aktuell geht
In den letzten Monaten habe ich wieder abgenommen. Und auch wenn es nie das primäre Ziel war, sondern es immer nur darum ging, mich wieder mit weniger Schmerzen zu bewegen und meinen Alltag besser meistern zu können: Es ist trotzdem eine riesige Erleichterung. Ganz zu schweigen von der Herausforderung, geeignete und bequeme Kleidung ab einem gewissen Körperumfang zu finden, in der man sich dann auch noch wohlfühlt und sich manchmal sogar okay findet.
Der Weg zu einem „normalen" Alltag ist lang. Und ich gehe ihn immer noch.
Häufige Fragen
Ist es normal, sich für den eigenen Körper zu schämen?
Jein. Nein, weil ich nicht weiß, ob es ein „normal" überhaupt gibt. Ja, denn ich habe bisher niemanden getroffen, der vollkommen mit seinem Körper zufrieden war. Und es ist vor allem erklärbar. Körperscham entsteht dort, wo etwas an dir beurteilt werden könnte und du es nicht kontrollieren kannst. Das ist die Konstellation, auf die der Körper am stärksten mit Stress reagiert. Sie sagt nichts über deinen Wert und nichts über deine Stabilität aus.
Was heißt „sich vom eigenen Körper verraten fühlen"?
Es beschreibt den Moment, in dem der Körper aufhört, verlässlicher Untergrund zu sein – durch Schmerz, eine chronische Erkrankung, eine körperliche Veränderung (starke Gewichtszunahme), die du nicht ausgewählt hast. Er wird vom Zuhause zum Gegenüber. Das ist kein Denkfehler, den du korrigieren musst, sondern eine nachvollziehbare Reaktion auf einen Vertrauensbruch.
Kann Yoga bei chronischen Schmerzen helfen?
Jein. Ja, mir persönlich hat eine bestimmte Form von Yoga sehr geholfen – gleich mehr dazu. Nein, es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen oder Studien, die belegen würden, dass Yoga Lipödem-Schmerzen lindert.
Was sich dagegen messen lässt, ist etwas anderes: In einer randomisierten Studie mit 362 Teilnehmenden (»Moszeik, Rohleder & Renner, Stress and Health, 2025«) sank bei regelmäßiger Yoga-Nidra-Praxis der Cortisolspiegel – also genau das Hormon, das bei der Bedrohung, bewertet zu werden, stark ansteigt. Der Schmerz wird dadurch nicht verschwinden. Aber ein (Nerven-)System, das nicht ständig im Alarm läuft, hat mehr Kapazität, ihn zu kompensieren. Bei mir war eine ruhige, langsame Praxis – somatisches Yoga, Yin Yoga und vor allem Yoga Nidra – während des schwersten Schubs oft das Einzige, was überhaupt noch möglich war – aufgrund der Schmerzen und der eingeschränkten Beweglichkeit. Das ist kein Werturteil über „richtiges" oder „falsches" Yoga, keine Abwertung einzelner Schulen. Von allem, was ich bisher ausprobiert habe, haben mir somatisches Yoga und Yoga Nidra am meisten geholfen. Weil diese für ein dauerhaft alarmiertes, gestresstes Nervensystem und einen gestressten Körper die nachhaltigste Form der Regulation ermöglichen.
Dein Schmerz muss nicht sichtbar sein, um echt zu sein. Und ein Körper, der sich verändert, macht dich nicht weniger wert, weniger schön oder weniger stark. Das meiste davon sind Geschichten, die wir uns erzählen. Ich erwische mich heute noch dabei – und vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns wieder eine andere Geschichte über uns selbst erzählen.
Wenn du einen Ort suchst, an dem es keine Rolle spielt, wie du aussiehst oder wie viel du wiegst, und an dem dein Körper nichts leisten und auch nichts richtig machen muss: Genau dafür habe ich „7 Tage Ruhe" geschaffen – sieben Abende geführte Yoga Nidra, in denen du dich einfach hinlegen darfst. Du lauschst meiner Stimme, den Rest übernehme ich.
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